Cristales
Site-Specific-Performance nach Textmotiven von Marguerite Duras
/ 2006


In einer Montage aus Theater, Video und Installation konfrontiert Cristales die Ausstellungsräume des Städtischen Museums Braunschweig und deren Architektur mit den Texten und Motiven der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras. Die Zuschauer begleiten die Performer durch die Museumsräume wie durch die labyrinthischen Innen-Räume ihrer Erinnerung und ihres Verlangens. Wie Voyeure betrachten sie die exponierte Intimität der Figuren, die in ihrer extremen Zerbrechlichkeit den um sie herum ausgestellten Objekten aus Glas oder Porzellan ähneln.

 

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Die Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, geleitet vom Widerhall und den Spiegelungen ihrer Texte, ihres Atems, ihrer Bewegungen. Sie erzählen von der Liebe und ihrer Unmöglichkeit, sie erzählen vom Begehren, der Trennung und dem Tod… immer auf der Suche nach dem Glück, der kurzen Heimat, dem letzten Kuss.


Der literarische Ausgangspunkt der Performance sind ausgewählte Texte aus dem Spätwerk der 1996 verstorbenen, französischen Schriftstellerin Marguerite Duras. Eine Sammlung von Aphorismen, Dialogen, Notizen, die die Grundthemen ihres literarischen Schaffens umkreisen: Die Liebe, das Begehren, die Unmöglichkeit, die Trennung und der Tod. Immer in jenem unverwechselbaren Ton der Duras: lakonisch und radikal, poetisch und obsessiv. Die Texte von Marguerite Duras sind Orte voller variabler Geometrien und vielfältiger Resonanzen, Texträume, die von einem Augenblick zum anderen die Wirklichkeit komplett erfüllen, um diese bereits im nächsten Moment vollständig ihres Sinnes zu entleeren. Der Eintritt in diese (Text-)Räume ist wie das Eindringen in eine Einsamkeit, die weitere Einsamkeiten aufdeckt. Wir durcheilen sie, jeder Raum nimmt den nächsten Raum vorweg, macht uns neugierig, provoziert uns dazu, entdecken zu wollen, was hinter dem jeweils nächsten liegt.


Die Figuren, die Marguerite Duras für uns ans Licht holt, gleichen Figuren aus Porzellan oder Glas. Sie sind mehr Objekte als Subjekte, extrem fragile, zerbrechliche Wesen, deren Aussichten auf Fortdauer und Überleben vom Grad der Behutsamkeit und Sorge abhängt, die man ihnen zuteil werden lässt. Sie sind wie Schmuckstücke, deren kostbare Oberfläche sich um eine strukturelle Leere herum offenbart. Diese Leere – ist ihre einzige Stütze. Duras‘ Figuren zirkulieren zwischen den unergründlichen Extremen einer unendlichen Linie, die die LIEBE und den TOD miteinander verbindet. Zwischen diesen Abgründen wandelt das LEBEN, verführt von antagonistisch-widersprüchlichen Impulsen, die nacheinander auftauchen und sich vermischen. Wie wenn die Flut der von Duras‘ Protagonisten vergossenen Tränen sich materialisierte in kristallenen Zufluchtsorten, immer bemüht, der Berührung zu entgehen, weil sie sich nur so am Leben erhalten können.

 


 

Regie, Dramaturgie, Konzeption: Graciela González de la Fuente
Mit: Mirca Preißler, Ricarda Ciontos, Daniel Klose, David Jeker, Marco Wittorf, Swantje Hielscher, Helen und Lia Wang, Franziska Bauerfeld, Julia Dick, Matthias Brandt, Ulrich Reinhardt und Phillip Brummer
Assistenz: Julia Schleipfer
Video: Dieter Krockauer, Volker Schreiner
Technische Leitung: Mathias Filbrich
PR, Öffentlichkeitsarbeit: Claudia Stilling

 

Gefördert durch:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Stadt Braunschweig/Kulturinstitut
Veranstaltungsort:
Städtischen Museum Braunschweig